Valerie Bielen: Nur mit Deinen Augen

Zusammenfassung

Nur mit deinen Augen

Alice glaubt nicht an die Liebe. Doch als sie ihr tristes Leben in Berlin Teltow gegen eine Anstellung als Au-Pair in Venedig eintauscht und auf den geheimnisvollen Tobia Manin trifft, beginnen Zweifel in ihr aufzukommen. Wer ist der attraktive Mann, der zynisch und menschenverachtend alleine in seinem Palazzo am Canale Grande lebt und diesen nur in der Einsamkeit der Nacht verlässt? Und welcher Schicksalsschlag hat ihn zu einem solchen Eremiten gemacht? Alice begibt sich auf die Suche. Auf die Suche nach der Wahrheit und nach sich selbst.

Nur mit deinen Augen

Roman
Aufbau Verlag, Berlin 2014
320 Seiten

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Leseprobe

„Waren Sie schon einmal in Venedig?“
Die ältere Dame, die mir gegenüber im Zugabteil sass, sah mich neugierig durch ihre dicken Brillengläser an. Ich schloss mein Buch. Es hatte keinen Sinn weiter zu lesen, wenn diese Frau, schon seit Verona, versuchte eine Konversation zu beginnen.
„Nein. Leider nicht. Es wird mein erstes Mal werden.“
„Sie werden es lieben! Ich war schon mindestens zwanzig Mal dort und kann immer noch nicht genug bekommen. Sie müssen wissen“, sie näherte sich mir vertrauensvoll, „mein verstorbener Mann und ich, wir haben uns in Venedig verlobt. Es gibt ja keine romantischere Stadt.“
Umständlich und unter Verwendung aller nur denkbaren Ausmalungen begann sie von ihrem verstorbenen Mann zu erzählen, von ihrer Verlobung und den folgenden Reisen der letzten vierzig Jahre. Ich aber konnte und wollte mich nicht auf das, was sie sagte, konzentrieren. Ihre Worte schienen an mir vorbeizuziehen, wie die flache, eintönige Landschaft vor dem Zugfenster, während meine Gedanken zu meiner Mutter wanderten und ich musste schlucken, wenn ich mir vorstellte, wie sehr sie sich über diese Reise gefreut hätte.
Jahrelang hatte sie in ihrem Notizbuch jeden Artikel über die Stadt gesammelt, hatte sich in Reisebüros Kataloge geben lassen und Hotelbeschreibungen aus dem Internet gelesen. Immer im Wissen, dass es für sie unmöglich sein würde, als Multiple-Sklerose-Kranke im Endstadium, durch eine Stadt mit Hunderten von Brücken zu kommen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass unsere Finanzen nicht einmal einen Billigflug von Berlin nach Venedig erlaubt hätten. Aber ihr Optimismus und ihre Hoffnung, auf eine glückliche Wendung, waren nie gewankt und so hatten wir abends, in unserem kleinen Apartment in Teltow, auf den Betten gelegen und uns ausgemalt, wie es sein würde, mit einer Gondel auf dem Canal Grande zu fahren, oder einen Aperitif im Café Florian einzunehmen.